Zeitarbeit

Lesung mit Musik. Atelier im Klausenpfad, 03. Juni 2016
Peter Bösselmann (Text, Musik) und Christian Pressler (Vortrag)

„Zeitarbeit“ ist ein autobiografisch grundierter Text, der für die Lesung im Klausenpfad geschrieben wurde. In karg formulierten Spots wird eine Kindheit und Jugend in einem niedersächsischen Dorf der Kriegs- und Nachkriegszeit beschrieben. Kurze Musikstücke strukturieren als Unterbrechungen den Ablauf des Vortrags: improvisiertes Piano-Spiel zu zu reduzierten „Oldschool“-Synthesizer-Loops.

Text-Ausschnitte:

Wenn der Vater vom Werk erzählt, gleich die Gelegenheit nutzen, gleich weiterfragen! Wie warst du als Kind? Als Bauernkind? Was hast du gespielt? War nicht Krieg? Warst du in Gefahr? Hast du Tote gesehen? Als Fünfzehn-, Sechszehnjähriger, das weiß ich, bist du abgehauen von zu Hause und in die Großstadt. Ganz allein? Warum?

(…)

In der Schule ein neuer Abzählvers. Im Kreis stehen, gleich lernen, mitsprechen!

Achtung – Achtung! Ende – Ende!
Überm Kuhstall sind Verbände!
Überm Schweinestall sind Jäger!
Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Heinrich beim Abzählen gleich raus. Schornsteinfeger. Wie denn Verbände über dem Kuhstall? Sind Kühe verletzt und müssen verbunden werden? Waren das die Jäger? Gehen in den Stall und schießen auf die Kühe und Schweine? Er denkt an die Sau, will am liebsten sofort gleich nach Hause, nachsehen, ob sie im Stroh schläft. Oder ist tot und liegt da in ihrem Blut. Die Jäger schon weg. Haben durch das kleine Fenster geschossen, von draußen. Gewehre rein und gleich die Sau totgeschossen. Dass sie im Schlaf gerade noch einen Schuss hört und ist schon tot. Die Mutter nichts mitgekriegt oder war gar nicht zuhause. Kommt zurück, macht die Kartoffeln für die Sau fertig, will sie ihr bringen und sieht das rote Stroh, die Sau im Blut. Und er ist in der Schule! Der Lehrer ruft, Pause zu Ende. Aber die Sau! In der nächsten Stunde haben sie Religion.

(…)

Keine Tiefflieger mehr. Nach Hause geflogen. Die Mutter am Radio, sie weint. Nimmt Heinrich in den Arm, beide still am Küchentisch. Sie schaut irgendwo hin, der Junge auf den gestickten Hirsch über dem Sofa. Wie er auf dem Felsen steht, und unten ist das Tal mit dem Fluss und den Wiesen. Der Hirsch seinen Kopf mit dem Geweih nach oben, als wenn er was ruft. Über das Tal, über den Fluss und die Wiesen. Wie ein feines, durchsichtiges Tuch breitet sich das Rufen über das Land. Sinkt hinunter, hüllt alles ein, die Bäume, das Gras, die Kiesel am Ufer. Weich und zärtlich und zart. So ein weiches und zartes Rufen ist das. Dein Vater, sagt die Mutter, streicht ihm über den Kopf. Der Krieg ist aus, sagt sie.

(…)

Das Schuhgeschäft hinten in der Langen Straße, vom Bahnhof her gerade das andere Ende. Mutter und Sohn still an den Läden entlang. Drüben ein Geschäft, vor dem keiner steht. Alle schnell vorbei, oder wechseln die Straßenseite. Im Schaufenster ein großes Plakat. Heinrich liest: Diese Schandtaten – Eure Schuld! Darunter Fotografien, aber kann er von weitem nicht erkennen. Sieht aus wie Menschen, die zusammenliegen, wie als ob sie aufeinander liegen oder ganz dicht beieinander auf einer großen Wiese. Wie nackt oder haben ganz weiße Sachen an. Heinrich bleibt stehen, aber die Mutter will weiter.

 

Video-Ausschnitt der Lesung am 03. Juni 2016 im Atelier im Klausenpfad mit Christian Pressler (Lesung) und Peter Bösselmann (Musik):

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