Prosa

Der Wald

Es war sehr spät am Abend, ich hatte lange gearbeitet; nun saß ich auf dem Rad und fuhr hinaus zu dem Dorf, in dem ich wohnte. Ich war diese Strecke schon viele Male gefahren, sie führte vorbei an mondbeleuchteten Feldern und durch einen kleinen Wald.

In dem Waldstück war es an diesem Abend so dunkel, dass ich vom Weg nur sah, was sich im schwachen Licht des Scheinwerfers zeigte. So rollte ich voran, schob den Lichtfleck durch den nachtschwarzen Wald. Da: Knacken von Zweigen, schwere Tritte im Laub. Etwas kommt auf mich zu. Ich horche, muss auf den Weg achten, horche. Etwas bewegt sich neben mir, dicht neben dem Rad, hält Schritt. Ein Blick zur Seite, ich sehe einen massigen, schwarzen Kopf mit weißen, starr nach vorn gerichteten Augen. Auf der anderen Seite, ich glaube es nicht, rennt noch ein schwarzer Dämon: Ich werde eskortiert von zwei Kampfhunden.

Diese Hunde, das war mir klar, warteten nur darauf, dass ich einen Fehler machte, mich zu erkennen gäbe, damit sie mich vom Rad reißen und zerfleischen könnten. Also nicht auffallen, ruhig fahren, fließend, nicht auffallen. Doch bald würde ich den Ausgang des Waldes erreichen, dort musste eine geschlossene Schranke auf einem schmalen Pfad umfahren werden. Das ging nur sehr langsam und durch ein Ändern der Richtung, und damit war ich verloren. Mit einem tiefen Knurren würden sich die Hunde in meine Schenkel verbeißen, ich würde stürzen, die Kampfhunde über mir, kein Entkommen.

Doch was blieb mir übrig. Ich begann, langsamer zu werden, ganz allmählich, langsamer – da merkte ich, wie meine Begleiter hinter mir zurückblieben, seitlich im Gehölz verschwanden, mich freigaben. Ich war am Leben.

Dieser Text wird im ersten Teil der Solo-Performance „Rota“ gesprochen, die von Peter Bösselmann als Beitrag zu den WHITE STAGE tanzminiaturen 2014 aufgeführt wurde.

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